- 26 JUN. 2008, "Kulturagenda", C. Hoigné

"KLASSISCHE MUSIK MUSS COOLER WERDEN"
Wenn der Fussball Pause macht – die 26 Jahre junge Geigerin Rachel Kolly d’Alba aus Lausanne spielt mit der Orchestergesellschaft Zürich in der Berner Petruskirche ein hochkarätiges Programm. Der dritte Satz von Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 wird oft als „Finale“ bezeichnet – er ist für Klassikfreunde ebenso spannend wie das Finale der Fussball-Europameisterschaft am Sonntag.
Frau Kolly, Sie sind erst Mitte zwanzig, feiern aber bereits grosse Erfolge als Solistin und haben ihre musikalische Laufbahn entsprechend früh begonnen. Stammen Sie aus einer Musikerfamilie?
Meine Eltern lieben die klassische Musik. Meine beiden ältern Schwestern haben sich für das Klavier entschieden, aber ich wollte schon mit zwei Jahren Geige spielen. Als ich dann fünf wurde, bekam ich endlich meine erste Violine. Von diesem Tag gibt es eine Tonbandaufnahme, die mein Vater, der beim Radio arbeitete, gemacht hat. Er fragte mich: "Nun, Rachel, Du hast heute deine Geige bekommen – freust Du dich, darauf zu spielen?" Und meine Antwort mit Kleinmädchenstimme war: "Oh ja, ich habe mein ganzes Leben davon geträumt."
Also haben Ihre Eltern Sie durchaus nicht in eine Musikkarriere geschubst?
Überhaupt nicht, aber sie haben mich stets unterstützt bei meinen Wünschen. Und die waren stark: ich habe meine Geige leidenschaftlich geliebt, fand sie wunderschön und hab sie sogar mit ins Bett genommen. Als Kind war das Geigeüben für mich auch nicht Arbeit, sondern das waren vergnügliche Freizeitstunden. Erst meine Lehrer haben meine Eltern ein bisschen angetrieben, als sie ihnen sagten, dass sie meine Begabung besonders fördern sollten.
Sie spielen eine italienische Geige aus dem Jahr 1750 ...
... genau, eine Emiliani. Allerdings nicht mehr lange, denn ich bekomme von einer Stiftung eine Stradivari zur Verfügung gestellt. Ich darf das Instrument sogar auswählen. Das ist schon ein grossartiges Gefühl, die Erfüllung eines Kindertraumes!
Sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Das ist nicht ganz ungefährlich. Haben Sie nie das Gefühl gehabt, einen Teil Ihrer Jugend zu verpassen?
Ich erinnere mich an die Jugendzeit als eine Phase enormen Vergnügens. Nachdem ich mit 15 die obligatorische Schule verlassen durfte, die für mich immer eine Pflichtübung gewesen war, stürzte ich mich in das Musikstudium und war begeistert von den Theoriekursen am Konservatorium – und es gefiel mir, mit Erwachsenen zusammen zu sein und als Erwachsene zu gelten. Mit 12, 13 habe ich erste Preise gewonnen, was mich sehr motiviert hat, die Musik zu meinem Beruf zu machen. Natürlich habe ich diese Entscheidung sehr früh getroffen – aber da ich mit 14 bereits das Lehrdiplom in der Tasche hatte, konnte ich ja schlimmstenfalls immer noch unterrichten, wenn es mit der Musikerkarriere nicht klappen sollte.
Sie spielen ein Konzert zur Fussballpause. Wie sehr ähneln sich die Karriere eines Spitzensportlers und einer Spitzenmusikerin?
Was uns auf jeden Fall verbindet, ist die tägliche Disziplin. Entweder man arbeitet jeden Tag – Sonntag inbegriffen – oder man schafft es nicht. In der Musik wie im Sport muss man sehr viel trainieren. Und es gibt ein ganzes Team um uns herum, das unsere Arbeit ermöglicht. Im Sport wie in der Musik ist man wohl ziemlich auf sich selbst gestellt.
Und wenn man mit 25 Jahren nicht an der Spitze ist, dann ist die grosse Karriere gelaufen...
Das stimmt, ist aber in der klassischen Musik eine eher neue Erscheinung. Vor 40, 50 Jahren haben die grossen Musiker erst mit vielleicht vierzig Karriere gemacht – denken wir etwa an David Oistrach, den grossen Violinisten des 20. Jahrhunderts. Das Starsystem, wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Lange Zeit zählte in der klassischen Musik die Reife des Künstlers.
Sie sind verheiratet und haben eine kleine Tochter, hat sie schon Interesse an einem Instrument geäussert?
Nein noch nicht, meine Tochter ist erst zwei Jahre alt. Ich denke, wenn sie mich voller Enthusiasmus mit meinem Instrument sieht, versteht sie, wie viel Vergnügen Musik bereiten kann. Oft tanzt sie, wenn ich spiele. Und stets will sie an den Saiten der Geige zupfen.
Sie sind Mitglied des Ensemble Paul Klee, das sich oft mit zeitgenössischer Musik befasst. Was ist Ihnen in der klassischen Musik am nächsten?
Am meisten liebe ich die Musik vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die Romantiker der letzten Stunde wie Ravel und Debussy, die impressionistische Musik mit ihren Farben. Die zeitgenössische Musik dagegen schätze ich vor allem, weil sie mir die Möglichkeit zu Begegnungen mit dem Komponisten gibt. Ich erfahre gern mehr über ihre Vision der Kunst, ihre Ansichten über das Leben und die Welt.
In der Petruskirche spielen sie das Violinkonzert Nr. 1 von Max Bruch (1838 – 1920), ein für die Solistin sehr anspruchsvolles Werk.
Ich wurde dafür angefragt, weil ich dieses Konzert schon in den Fingern habe. Max Bruch ist ein Komponist, der nicht besonders häufig gespielt wird, mit Ausnahme dieses Violinkonzerts. Ein romantisches Werk, das ich sehr liebe; es ist hervorragend komponiert, sehr transparent und ausbalanciert. Ein Konzert, bei dem die Sologeige nicht gegen das Orchester ankämpfen muss. Insbesondere der dritte Satz ist sehr dicht, voller Feuer, geradezu vulkanisch.
Welche Feuer brennt in Ihnen, welche Wünsche und Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ich habe mehrere Projekte für CD-Aufnahmen, vier davon mit einem Orchester. Ausserdem habe ich mich mit neuen Partnern für Kammermusik zusammengetan. Und ich wirke als künstlerische Leiterin des Festivals Riviera zwischen Montreux und Vevey.
Studien besagen, dass das Publikum für klassische Musik in den nächsten Jahren um 30 Prozent zurückgehen wird, der CD-Mark ist im freien Fall. Macht Ihnen dies Angst?
Angst nicht, aber es macht mich etwas traurig. Ich finde es sehr schade, dass nicht mehr gemacht wird, um die Kinder und Jugendlichen an klassische Musik heranzuführen. Das erste, was man beim Sparen an den Schulen fallen lässt, ist die Kultur.
Als Musikerin habe ich eine Leidenschaft, die ich gerne mit anderen teile. Klassische Musik kann uns enorm viel geben: grosse Gefühle wie Trauer, Begeisterung, aber auch Denkanstösse, oder Energie für zwei Wochen. Ich bin überzeugt, dass es einen Modernisierungsschub braucht, um sie als Teil unseres Lebens zu erhalten – klassische Musik muss cooler. werden.
Orchestergesellschaft Zürich. Konzerte zur Fussballpause.
Petruskirche, Bern. 28.6., 20 Uhr.
www.ogz.ch
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